Am vergangenen Freitag, dem 3. Juli 2026, wurde im festlich geschmückten Bürgerhaus Breidenstein ein ganz besonderer Jahrgang verabschiedet, der erste Jahrgang, der sein Abitur nach dem G9-Modell abgelegt hat. 20 Schülerinnen und Schüler bildetet diesen kleinen, sehr individuellen und – wie Schulleiter Christian Tang es formulierte – „edlen Jahrgang“.
Nach dem Einzug der festlich gekleideten Abiturientinnen und Abiturienten eröffnete Schulleiter Christian Tang die Feier und begrüßte die Festgäste. Er beglückwünschte die Abiturienten und Abiturientinnen zu ihrem erfolgreich bestandenen Abitur als dem höchsten Abschluss, den man am Gymnasium erhalten könne.
Neben dem Streben nach guten Noten und Punkten sei Bildung wichtig, aber auch die Fähigkeit, „Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden“, so die Worte des Schulleiters. Er hoffe, dass dies neben reinem Fachwissen auch vermittelt worden sei, um künftig als mündige Bürger*innen am gesellschaftlichen Leben teil zu nehmen.
Christian Tang verglich den Bildungsgang mit der Reise auf einem Fluss. Man starte diese Reise auf einem ruhigen Fluss, müsse Stromschnellen überwinden, arbeite sich durch Klausuren und Herausforderungen, bis man schließlich am Ziel ankomme.
Diese Reise sei nicht nur geprägt von fachlichem Lernen, sondern auch von Begegnungen – mit Freunden, Lehrkräften und der Schulgemeinschaft. „Schülerinnen und Schüler lernen mehr als nur Inhalte“, betonte der Schulleiter. „Sie lernen Gemeinschaft, Verantwortung und den Mut, Fehler zu akzeptieren und zu überwinden.“
In Anlehnung an das Zitat des englischen Komponisten Benjamin Britten „Lernen ist wie Rudern gegen den Strom, sobald man aufhört, treibt man zurück“ erinnerte er daran, dass man manchmal bewusst „gegen den Strom rudern“ müsse, um Hindernisse zu überwinden.
Dabei gelte es, die schönen Dinge im Blick zu behalten und neugierig zu bleiben. Sein Appell an die Absolventinnen und Absolventen lautete daher: „Bleibt neugierig und verliert euer Ziel nicht aus den Augen.“
Im Anschluss an die Rede des Schulleiters trat die Jahrgangsstufenleiterin Christin Seidel ans Rednerpult und sorgte für einen heiteren, pointierten Moment der Feier. Mit einem Augenzwinkern griff sie das Motto des Abiturjahrgangs auf – „Anwesend waren nur die Fehlstunden“ – und führte eine kleine ironische Anwesenheitskontrolle durch. Ihr überraschendes Fazit: ein Novum – alle 20 Absolventinnen und Absolventen waren tatsächlich anwesend. Christin Seidel nutzte diesen humorvollen Einstieg, um ihren Schützlingen eine eindringliche Botschaft mitzugeben. Wenn man all die Herausforderungen der vergangenen Jahre gemeistert habe – Klausuren, Projekte, Präsentationen, persönliche Hürden -, dann könne man auch die kommenden Aufgaben bewältigen. Ihr Appell: „Konserviert dieses Gefühl. Glaubt an euch. Auch durch das Scheitern lernt man.“
Für jede Absolventin und jeden Absolventen hatte Seidel eine liebevolle, treffende Charakterisierung vorbereitet, die sie mit einem Augenzwinkern präsentierte. Diese persönliche Würdigung sorgte für Lachen und auch Rührung, was die besondere Verbundenheit zwischen Jahrgangsstufenleitung und Jahrgang sichtbar machte.
Nach dem Beitrag der Jahrgangsstufenleiterin betraten die beiden Jahrgangsstufensprecherinnen Josie Hainbach und Valerija Eremeev die Bühne. Mit spürbarer Freude und einem Hauch Ironie griffen auch sie das diesjährige Abimotto auf und stellten – nicht ohne ein Lächeln – fest, dass der gesamte Jahrgang vollständig erschienen war. Ein seltenes Bild, wie sie betonten, denn in der Vergangenheit mussten Lehrkräfte den Unterricht nicht selten „alleine stemmen“, was die Planung gelegentlich erschwerte und manche Unterrichtsstunden zu einer Herausforderung machte. Trotz dieser turbulenten Schuljahre habe der Jahrgang jedoch Großartiges geleistet: Er habe den Abiball selbst organisiert und auf die Beine gestellt. Beide Sprecherinnen nutzten die Gelegenheit, um ihren Eltern ausdrücklich für das tatkräftige Anpacken, die Unterstützung und die Geduld zu danken – ein Dank, der mit langem Applaus bedacht wurde.
Zum Abschluss stellten sie die Frage, die wohl viele der Anwesenden bewegt: „Sind wir jetzt wirklich erwachsen?“ Sie gaben selbst eine ehrliche Antwort: Viele wüssten noch nicht genau, welchen Weg sie einschlagen wollen – aber auch Erwachsene wüssten das oft nicht. Entscheidend sei der Mut, den eigenen Weg zu finden und ihn zu gehen. Ab morgen beginne ein völlig neuer Alltag, die Schulzeit werde zu einer schönen Erinnerung, ein Kapitel ende – und ein neues beginne.
Zum Abschluss ihres Beitrags überreichten sie kleine Präsente an die Lehrerinnen und Lehrer, die sie unterrichtet haben, und bedankten sich herzlich.
Nach den Worten der Jahrgangsstufensprecherinnen trat Ludwig Lenhard, der Internatsleiter, ans Rednerpult. Seine Rede stand ganz im Zeichen eines zentralen Begriffs: Verantwortung. Er erinnerte die Absolventinnen und Absolventen daran, dass Verantwortung bedeute, die Folgen des eigenen Handelns zu bedenken und das eigene Leben in diesem Sinne bewusst zu gestalten.
Lenhard betonte, dass Verantwortung nach dem Abitur eine neue Dimension erhält, im Studium müsse man sich selbst „durchschlagen“ und in einer Ausbildung Verantwortung für die eigene Rolle übernehmen. Man müsse die eigenen Finanzen regeln, Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen – aber all das sei nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Privileg.
Gleichzeitig erinnerte er daran, dass Verantwortung immer auch den Umgang mit Fehlern einschließe. In einer Gesellschaft, die zunehmen komplexer werde, sei jeder Mensch gefordert, Verantwortung zu zeigen, Konflikte auszuhalten und Haltung zu bewahren. Perfekte Menschen gebe es nicht – aber es gebe Menschen, die Verantwortung übernehmen und dadurch wachsen.
Im Anschluss gratulierte Helmut Zacharias von der Firma EJOT, dem langjährigen Kooperationspartner des Gymnasiums, der Jahrgangsstufenbesten Ellen Dick (1,3) und überreichte ihr in Anerkennung ihrer herausragenden Leistung ein iPad.
Professor Dr. Gerd Manthei von der Technischen Hochschule Mittelhessen in Biedenkopf dankte den Familien und dem Kollegium für die gute Unterstützung der Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu ihrem Abitur. In seinem Redebeitrag bezog er sich auf ein Thema, das die jungen Erwachsenen unmittelbar betrifft: dem Umgang mit Neuerungen – insbesondere mit technologischen Entwicklungen wie der Künstlichen Intelligenz. Manthei erinnerte daran, dass die Menschen zu allen Zeiten Angst vor Neuerungen hatten. Selbst Sokrates habe die Einführung der Schrift kritisch gesehen und befürchtet, sie könne das Gedächtnis der Lernenden schwächen. Dieser historische Vergleich diente Manthei als Brücke zu einer zentralen Botschaft: Neuerungen sind kein Grund zur Furcht, sondern eine Einladung zur klugen Nutzung. Die Künstliche Intelligenz, so Manthei, verändere nicht das Lernen selbst, sondern lediglich die Formate des Lernens. Die grundlegenden Fähigkeiten – Denken, Verstehen, Einordnen – blieben unverändert wichtig. Er ermutigte die Absolventinnen und Absolventen, offen und neugierig zu bleiben, neue Technologien sinnvoll einzusetzen und sich nicht von Ängsten leiten zu lassen. Im Zeitalter der Digitalisierung solle man offen und neugierig sein, Netzwerke bilden und neue Wege gehen.
Die Aushändigung der Abiturzeugnisse stellte schließlich den feierlichen Höhepunkt des Abends dar. Schulleiter Christian Tang und Jahrgangsstufenleiterin Christin Seidel überreichten unter dem Beifall der anwesenden Gäste den stolzen Abiturientinnen und Abiturienten ihre Zeugnisse mit jeweils einer weißen Rose.
Als Jahrgangsstufenbeste mit einer Traumnote von 1,3 wurde Ellen Dick belobigt. Weitere Belobigungen für herausragende Leistungen gingen an Hongkun Liu (1,4), Josie Hainbach (1,5), Mika Jorah Hilker (1,8).
Der Vorsitzende des Fachbereichs Physik Ottmar Wagner ehrte seine Schüler Barna Bálint und Hongkun Liu für ihre Leistungen im Fach Physik mit jeweils einer einjährigen Mitgliedschaft bei der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.
Jan Neusesser, Fachvorsitzender des Fachbereichs Deutsch, belobigte Ellen Dick für ihre besondere Leistung im Fach Deutsch und überreichte einen Buchpreis und eine Urkunde des Vereins für die deutsche Sprache.
Für ihre engagierte Arbeit in der Schülervertretung (SV) zeichnete Schulleiter Christian Tang die Abiturienten Ellen Dick und Muhammed Yazir aus, ebenso ehrte er die Jahrgangsstufensprecherinnen Josie Hainbach und Valerija Eremeev.
Ein weiterer Höhepunkt der Abiturfeier war der musikalische Rahmen, den die Schulband unter Leitung von Musiklehrer Norman Quednau gestaltete. Ihre Beiträge setzen klangvolle Akzente zwischen den Redebeiträgen und trugen maßgeblich dazu bei, die Feier zu einem harmonischen und abwechslungsreichen Gesamtbild zu formen.
Abiturientia 2026 am Gymnasium Schloss Wittgenstein: Sahara Alam, Barna Bálint, Julius Johann Becker, Francine Grace Cabungan, Ellen Dick, Lea-Jolie Dönges, Valerija Eremeev, Jana Fuchs, Josie Hainbach, Giulio Henkel, Mika Jorah Hilker, Chenrui Hu, Hongkun Liu, Elaine Sophie Schneider, Elisabeth Schneider, Michel Schneider, Koray Telli, Filip Winzer, Muhammed Yazir, Luka Can Yolsal
Text und Fotos: Karin Leser
