Der Q2-Projektkurs setzte ein starkes Zeichen, um die Erinnerungskultur wach zu halten. Von li. nach re. (hintere Reihe): Julius Becker, Michel Schneider, Marie Hilker, Jana Fuchs. Vordere Reihe: Eslem Karabulut und Lea Dönges.

Mit einem anspruchsvollen und zugleich bewegenden Projekt hat sich der Q2 Projektkurs Geschichte des Gymnasiums Schloss Wittgenstein in diesem Schuljahr einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Vergangenheit gewidmet: dem nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programm. Unter dem Titel „Der gute Tod – das Euthanasieprogramm im Nationalsozialismus“ erforschten sechs Schülerinnen und Schüler historische Strukturen, individuelle Schicksale und ethische Fragen, die bis in die Gegenwart reichen.

Die Jugendlichen sichteten historische Krankenakten aus der Zeit der NS Diktatur und rekonstruierten anhand zahlreicher Fallbeispiele die perfide Logik des Regimes. Ein Schwerpunkt lag auf der Analyse der organisatorischen Grundlagen des Mordprogramms. Wie die Gruppe in ihrer Präsentation erläuterte, bildete das bereits 1933 erlassene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ den juristischen Rahmen für die systematische Verfolgung und Tötung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Erkrankungen. Dies bildete den formalen Rahmen zur gezielten Umsetzung zahlloser Maßnahmen gegen körperlich, geistig und psychisch Erkrankte.

Besonders eindrücklich war die Beschäftigung mit der sogenannten „Aktion T4“, benannt nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4, dem Sitz der zentralen Planungsstelle. Die Schülerinnen und Schüler zeigten auf, wie ab 1939 ein hochgradig koordiniertes Tötungsprogramm entstand, das bürokratisch organisiert und technisch perfektioniert wurde.

Ein Höhepunkt des Projekts war die Exkursion im Dezember 2025 zur Gedenkstätte Hadamar in Hessen – einem der zentralen Tatorte der NS „Euthanasie“. Vor Ort studierte der Kurs originale Exponate und Dokumente. Besonders prägend war der Besuch der Kellerräume, in denen die Tötungen mittels Gas durchgeführt wurden.

Diese unmittelbare Begegnung mit dem historischen Ort verlieh dem Projekt eine besondere Tiefe und führte zu intensiven Diskussionen über Täterschaft, Verantwortung und moralische Entscheidungen.
Der Kurs beschränkte sich allerdings nicht auf die NS Zeit, sondern betrachtete auch ältere Vorstellungen vom „guten Tod“, etwa in Sparta oder im Mittelalter. Diese historischen Vergleiche halfen, die ideologischen Verzerrungen der Nationalsozialisten besser einzuordnen.

Gleichzeitig richteten die Schülerinnen und Schüler den Blick auf die Gegenwart. „Es ist wichtig, an diese Taten zu erinnern, eine moderne Gesellschaft müsse Inklusion leben und eine entschlossene Zivilcourage mit Verantwortungsbewusstsein schützt.“

In einer abschließenden Präsentation vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern der Jahrgangsstufe Q2 machte der Kurs deutlich, dass historische Bildung nicht bei der Vergangenheit stehen bleiben darf, sondern Orientierung für das Heute bieten muss.

Am Ende der Präsentation erinnerten die Jugendlichen an den ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein Satz, der angesichts der behandelten Verbrechen nicht nur Mahnung, sondern auch Auftrag ist.

Der Projektkurs hat mit seiner Arbeit gezeigt, wie wichtig es ist, sich kritisch, gründlich und empathisch mit Geschichte auseinanderzusetzen – und wie sehr junge Menschen dazu beitragen können, Erinnerungskultur lebendig zu halten.

Text: André Rohrbach / Karin Leser

Foto: André Rohrbach